Warum begleichen Menschen ihre Schulden nicht?

Warum begleichen einige Menschen ihre Schulden, während andere sich damit Zeit lassen? Verhaltensökonomie und das Verständnis gesellschaftlicher Trends sind Teil der Antwort.

Inkasso

„Wir würden niemals zur Bank gehen und einen Kredit für Pizza, Kaffee und Turnschuhe aufnehmen“, stellt Dan Ariely, einer der renommiertesten Verhaltensökonomen der USA, fest. Durch die Nutzung von Kreditkarten häufen jedoch einige Menschen Schritt für Schritt einen riesigen Schuldenberg für genau solche Dinge an. Theoretisch sind Schulden gleich Schulden – die Praxis ist viel komplizierter, wie eine Studie zeigt.

Betrachten wir den Aspekt des kulturellen Hintergrunds: Je nachdem, wo Menschen leben unterscheiden sich ihre Schuldgefühle in Hinblick auf Zurückzahlen von geliehenem Geld an Freunde, Familienmitglieder oder Kreditinstitute. Wie die EOS Schuldenstudie 2017 zeigt, fühlen sich Menschen in Russland und den USA stärker verpflichtet, einen Bankkredit zurückzuzahlen, während Deutsche sich stärker verpflichtet fühlen, Freunde und Familienmitglieder zu bezahlen. Allerdings ist der Anteil der getilgten Schulden in den letzten Jahren stetig gestiegen und lag 2017 bei 83 Prozent.

Verhaltensökonomie erklärt Entscheidungsprozesse.

Im Gegensatz zu klassischen Wirtschaftsmodellen, die davon ausgehen, dass Menschen rational handeln, berücksichtigt die Verhaltensökonomie auch irrationale Entscheidungen und versucht, diese zu verstehen. In Studien wurde nachgewiesen, dass Menschen Geld unterschiedlich einsetzen, je nachdem woher sie es erhalten und wofür sie es ausgeben möchten. Man könnte meinen, dass sie in ihren Köpfen mehrere „Konten“ einrichten, mit denen sie unterschiedliche Arten von Kosten zahlen. So irrational diese „mentale Kontenführung“ zu sein scheint, so verständlich ist es, dass unbezahlte Rechnungen nicht unbedingt mit Geburtstagsgeld beglichen werden.

Ein anderes, scheinbar irrationales Verhalten: Warum haben Verbraucher hoch verzinste Schulden, während sie gleichzeitig Geld auf niedrig verzinste Sparbücher einzahlen? Dafür kann es viele mögliche Gründe geben: Vielleicht möchten sie Geld für unerwartete Notfälle zur Verfügung haben. Oder sie haben Angst, dass das Zurückzahlen von Schulden mit dem ersparten Geld die Motivation zum Weitersparen nimmt. Mangelnde Finanzkenntnisse oder schlicht nicht genug Zeit, sich mit dem Thema zu befassen, können weitere Beweggründe sein.

Sind manche Menschen besonders anfällig für Verschuldung?

Die EOS Schuldenstudie 2017 unterteilt Personen, die Schulden haben, in mehrere Kategorien. Differenziert wird nach unterschiedlichen Einstellungen in Bezug auf Risiken, Kosten und Rückzahlungsverhalten: So kristallisieren sich Vorsichtige „Schuldenvermeider“, „Gelegenheitsschuldner“ und „Immobilienschuldner“ auf der einen und „Sorglose Schuldner“ und „Schuldenjunkies“ auf der anderen Seite heraus.

Für die meisten säumigen Verbraucherinnen und Verbraucher ist Bezahlbarkeit das Problem. Jörg Schweda, Geschäftsführer bei EOS Deutscher Inkasso-Dienst GmbH, sagt: „Wenn wir Schulden so umfinanzieren können, dass sie bezahlbar werden, können wir Menschen ermutigen, schuldenfrei zu werden.“ Was genau „bezahlbar“ für die einzelne Kundin oder Kunden bedeutet, ist eine komplexe Kombination aus psychologischen Eigenschaften und äußeren Umständen wie beispielsweise Einkommen.

Die Häufigkeit der Schuldnerpersönlichkeiten variiert laut EOS Studie stark nach Land: Während nur drei Prozent der Russen „Schuldenjunkies“ sind, fallen 15 Prozent der US-Amerikaner in diese Kategorie. All dies lässt vermuten, dass kulturelle Faktoren einen großen Einfluss auf persönliche Eigenschaftenhaben, die sich auf das Schuldenverhalten auswirken.

Portrait photograph of Jörg Schweda, Managing Director of EOS Deutscher Inkasso-Dienst (DID)

Wie erhöht man am besten die Tilgungsquote?

Aufbauend auf der Verhaltensökonomie sagt Prof. Georg Felser, Psychologe an der Hochschule Harz, dass generell alle Menschen versuchen, Verluste zu vermeiden – wie sie jedoch die Schuldentilgung betrachten, ist der entscheidende Faktor. Einige sehen die Rückzahlung eines Kredits als Verlust an. Für andere dagegen stellt sie einen Gewinn dar, denn sie trennen sich damit von einer alten Last – dies gilt insbesondere für Leute, denen eine Art „Schlussstrich“ wichtig ist.

„Es ist wichtig, dass Inkassounternehmen Menschen zum Begleichen ihrer Schulden ermutigen“, stellt Schweda fest. Natürlich gibt es auch Menschen, die von Anfang an nie die Absicht hatten, zu zahlen.“ Schweda fährt fort: „Sie sind gut organisiert und stellen ein ernstes Problem für Unternehmen dar, die ihre Außenstände beitreiben müssen. Insbesondere, da ein schneller Kredit über das Internet Verbrauchern das Leben leicht macht. Aber das sind nur wenige und bleiben Ausnahmen.

Im Allgemeinen ist es wichtig, säumigen Zahlerinnen und Zahlern eine Perspektive zu bieten“, empfiehlt Schweda. „Wenn Leute keinen Weg aus der Verschuldung sehen, stellen sie die Rückzahlung oftmals ganz schnell ein. Einen wirksamen Entschuldungsplan zu erstellen, lohnt sich für beide Seiten und senkt die Kosten. Ein konstruktives Miteinander ist allemal besser als Zwang.“

Massenmedien und einfache Finanzierungen stärken den Appetit auf Kredite.

Neben individuellen Faktoren haben auch gesellschaftliche Phänomene Einfluss.  Schweda stellt fest, „dass es sozialen Druck gibt, teure Dinge wie Smartphones und die richtige Kleidung zu kaufen, nur um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Kreditkarten, zinsfreie Finanzierung und Werbung, die verspricht, dass man alles haben und später bezahlen kann, machen es einfach, sich zu verschulden.“

Dazu kommt noch das „Jetzt-Phänomen“: Den meisten Verbrauchern ist die Gegenwart wichtiger als die Zukunft. Die Freude an einem Kauf überwiegt den „Schmerz“ des Bezahlens, egal ob mit Kredit- oder EC-Karte. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen etwas kaufen, weil das Benutzen der Karte sich ganz unkompliziert anfühlt. Wenn dann aber die Zahlung fällig wird, spüren sie die Belastung unabhängig von vorherigen Belohnung. Das lässt dann ihre Zahlungsbereitschaft sinken.

Laut der britischen Financial Conduct Authority kämpfen 3,3 Millionen Briten mit hartnäckigen Schulden. Das heißt: sie geben in einem Zeitraum von 18 Monaten mehr Geld für Zinsen und Gebühren aus als für ihren Schuldenabbau. Könnte es sein, dass einige Unternehmen aktiv versuchen, davon zu profitieren, Menschen in der Verschuldung zu halten?
„Aus vielerlei Gründen ist das kein tragfähiges Geschäftsmodell. Selbst wenn es das wäre, wäre es unethisch“, sagt der Experte für den deutschen Markt, Schweda. „Die Finanzindustrie sollte Menschen helfen, einen Weg aus der Verschuldung zu finden – und nicht versuchen, sie dort zu halten.“

Personalisierung ist der bessere Ansatz.

Um dies zu erreichen, plädiert Schweda für einen personalisierten Ansatz: „Die Gesellschaft verändert sich, und genauso muss sich das Inkassowesen ändern. Das bedeutet, mit Menschen über das Medium zu kommunizieren, das sie am besten erreicht. Und das in der Sprache, die sie verstehen.“ Zunehmend, sagt er, investiert EOS dafür in geeignete Technologie: „Fortschritte bei neuen Technologien wie künstlicher Intelligenz helfen uns, Rückzahlungspläne auf individuelle Bedürfnisse abzustimmen.“ Schweda sagt, dass ein Teil der Lösung auch darin bestünde, dass Gläubiger zu allererst einmal keine Darlehen an Personen vergeben, die nicht kreditwürdig sind. Viele Unternehmen, die Kredite oder Finanzierungen anbieten, setzen bereits moderne Technologien ein, die sie bei der Beurteilung der Bonität unterstützen.

Zurück zum Beispiel von Dan Ariely. Ist ein Kredit in Höhe von 20.000 EUR für Pizza, Kaffee und Turnschuhe immer eine dumme Idee? Nein, denn es kommt auf die Umstände an: Wenn Sie bereits Kreditkartenschulden für kurzfristige Gelüste abzahlen müssen, für den sehr hohe Zinsen anfallen, sind sie möglicherweise rationaler, als es zuerst scheint. Und es ist Sache des Gläubigers, dies herauszufinden.

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