Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite: Was können Unternehmen daraus lernen?

Der Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers löste vor zehn Jahren eine der weltweit größten Finanzkrisen der Geschichte aus. Bis heute wirkt der Schock nach. Die Insolvenz war der Beginn einer globalen Kettenreaktion. Für Unternehmen können Zahlungsausfälle und -verspätungen der Anfang eines existenzbedrohenden Dominoeffektes sein. Das ist kein Grund in Schockstarre zu verfallen. Es gibt Maßnahmen, die das verhindern.

Studien

Werfen wir einen Blick auf den 15. September 2008. Was ist damals eigentlich passiert? Die US-Bank Lehman Brothers meldet Insolvenz an. Sie hatte, wie auch andere Kreditinstitute, viel Geld in den Immobilienmarkt investiert. Grund des Kollapses war aber nicht allein die US-Immobilienmarktblase, sondern Banker, die viel zu hohe Risiken bewusst in Kauf nahmen. So bekamen US-Bürger Kredite, obwohl sie allgemeingültige Bonitätsstandards nicht erfüllten. Zudem behielt die Bank das offensichtliche Ausfallrisiko nicht wie üblich in den eigenen Büchern, sondern lagerte es an Investoren aus. Die riskanten Hypotheken wurden gebündelt und verkauft. Konnten Hausbesitzer ihre Kredite nicht mehr zahlen, erhielten sie trotzdem ein neues Darlehen. So konnten Banken immer mehr und größere Kreditpakete verkaufen, die sich im Grunde niemand mehr leisten konnte. Ein Milliardenmarkt oder nach heutigem Wissensstand eine Milliardenblase. Doch das Fiasko ließ nicht lange auf sich warten. Immer mehr Hausbesitzer gerieten mit ihren Raten in Verzug oder konnten die Kredite gar nicht mehr bedienen. Banken bekamen von Anlegern kein Kapital mehr. Auch Unternehmen erhielten kaum noch Kredite. Schritt für Schritt weitete sich das Desaster aus und wuchs zur weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Groben Schätzungen zufolge richteten die Lehman-Pleite und alle folgenden Eskalationen einen Schaden von etlichen Billionen Euro an und beeinträchtigten das Leben von Millionen Menschen.

Zahlungsausfälle in Europas Firmen: Der kleine Bruder von Lehman Brothers?

Europäische Unternehmen können hilfreiche Schlüsse aus dem Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers ziehen. Auslöser im Großen war deren Insolvenz. Im Kleinen begann die Kettenreaktion bereits mit dem Zahlungsverzug und Zahlungsausfall der Hausbesitzer für ihre Kredite. Für Firmen sind unbezahlte Rechnungen ein Risiko, das bis hin zur Insolvenz reichen kann. Das Resultat ist selbstverständlich nicht immer der Kollaps eines ganzen Wirtschaftssystems. In erster Linie haben Zusammenbrüche von Unternehmen ganz individuell gravierende Folgen für Karrieren und Lebensgrundlagen von Inhabern und Beschäftigten. Zusätzlich wirkt sich das natürlich auf die Wirtschaft aus. Stellt man sich das Szenario vor, dass 14 Prozent aller Unternehmen eines Landes Insolvenz anmelden, wird jedem schnell klar, dass das eine Negativspirale in Gang setzt. Nach Angaben des Deutschen Instituts für angewandtes Insolvenzrecht existiert zwar keine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für Schäden aufgrund von Insolvenzen. Ein dreistelliger Milliarden-Euro-Betrag pro Jahr sei aber wahrscheinlich.

Für nicht fristgerechte und ausbleibende Zahlungen gibt es vielfältige Gründe. Laut der EOS Studie „Europäische Zahlungsgewohnheiten“ 2018 nennen Unternehmen in West- und Osteuropa zuallererst Zahlungsausfälle bei eigenen Kunden (56 Prozent) und das Ausnutzen von Lieferantenkrediten (52 Prozent). An dritter Stelle stehen andere Insolvenzen (41 Prozent). Auch mit Blick auf die Folgen zeichnen die europäischen Unternehmen ein klares Bild: Bereits 14 Prozent der europäischen Unternehmen waren bereits aufgrund zu spät oder gar nicht beglichener Forderungen in ihrer Existenz bedroht.  

Was sollten Unternehmen lernen? 

Neben den negativen Auswirkungen nach dem Kollaps setzte auch ein Lerneffekt ein. Damit sich 2008 nicht wiederholt, wurde der Finanzsektor nach der Pleite stärker reguliert. Dazu gehören regelmäßige Stresstests und der Zwang für Banken bessere Krisenvorkehrungen zu treffen. Lösungen hier sind solidere Eigenkapitalquoten einzuhalten und strengere Liquiditätsrichtlinien umzusetzen. Die sogenannte Volcker Rule schränkt Spekulationen ein. In der Europäischen Union entstand die Bankenunion, die im Fall der Fälle Steuerzahler stärker schützt.

Der eigentliche Grund hinter dem Kollaps war die fehlende Verantwortung der Banken bei Bonitätsprüfungen für Darlehensvergaben. Zudem wurden die Augen vor den Risiken des Zahlungsausfalls verschlossen und ebenso die Verantwortung dafür weitergereicht, um schnelles Geld zu machen. Genau hier sollten Unternehmen ansetzen und sich diese Erkenntnisse zu Nutze machen. 

Wichtig ist, dass Unternehmerinnen und Unternehmer umgehend auf Zahlungsverzug und Zahlungsausfälle bei ihren Kunden reagieren. Ansonsten können sie schnell selbst infolge eines Dominoeffektes in finanzielle Turbulenzen geraten. Klar, der Kunde ist König. Aber was ist, wenn dieser König oder die Königin nicht bezahlt? Europäische Unternehmen sind bei jeder fünften Rechnung von Zahlungsverzug betroffen. Laut Studie zahlen Geschäftskundinnen und Geschäftskunden in 18 Prozent der Fälle zu spät. Bei Privatkundinnen und Privatkunden geraten 15 Prozent in Zahlungsverzug. Je nach Kundengruppe des Unternehmens sollte man dementsprechend Vorsicht walten lassen. Zum Beispiel bei der Auswahl von Zahlungsmethoden mit geringerem Ausfallpotential. Weitere Schritte, wie konsequentes Einholen von Wirtschaftsauskünften zur Bonitätsprüfung vor Lieferung gegen Rechnung und routinemäßige Überprüfung der Bonität von Stammkunden, können auch frühzeitig auf Risiken hinweisen. Gleichzeitig ist schnelles Handeln bei Zahlungsverzug, wie Mahnen, empfehlenswert. Grundsätzlich ist im Fall der Fälle die Zusammenarbeit mit einem professionellen Dienstleister für Forderungsmanagement sinnvoll.

Wiederholung ausgeschlossen? Fehlanzeige. 

Die Weltwirtschaft ist mit geprellten Rippen und einem blauen Auge davongekommen, die Genesung mit den strengeren Regulierungen auf dem besten Wege. Das Immunsystem der Finanzwelt ist gestärkt und 2008 wird sich nicht wiederholen. Leider entspricht das nicht dem Status Quo, denn verfolgt man die Wirtschaftspresse, existieren aktuell erneut beunruhigende Entwicklungen. Ungeachtet dessen, dass die lautstark geforderten härteren Kontrollen und Regulierungen noch nicht alle umgesetzt sind, geschweige denn greifen, werden aktuell bereits die ersten Forderungen nach Deregulierung lauter. Präsident Donald Trump hat versprochen, die Banken von der „Überregulierung“ zu befreien, um die Wirtschaft anzukurbeln. 

Bleibt nur zu hoffen, dass Unternehmen in Europa die Selbstkontrolle in Form von effizientem Risikomanagement ernst nehmen und im Fall der Fälle mit Experten im Bereich Forderungsmanagement zusammenarbeiten.

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